Distanzieren im Lötschbergtunnel

 

Ein interessantes Thema, das nicht direkt mit den Gleisplänen zu tun hat, ist das "Distanzieren" von Zügen im Lötschbergtunnel.  

Die Stationsdistanz zwischen Kandersteg und Goppenstein beträgt knapp 17 km. Die Strecke ist seit dem Bau doppelspurig, es wurde aber keine Blockstelle im Lötschbergtunnel eingerichtet. Die Züge konnten sich Kandersteg - Goppenstein nur auf Stationsdistanz folgen. Gemäss einem graphischen Fahrplan aus den 40er Jahren betrug die Fahrzeit Kandersteg - Goppenstein für einen Schnellzug  14 Minuten, für einen Güterzug 20 Minuten. Bei grossem Verkehr wurde die lange Stationsdistanz zum Problem und es wurde das "Distanzieren" eingeführt. Die Vorgehensweise ist auf dem nachfolgenden Zirkular beschrieben:

  • Es mussten zwei Angestellte in den Tunnel einrücken, wovon mindestens ein Stationsbeamter (Art. 2). Angenehm dürfte Aufenthalt mitten im Lötschbergtunnel nicht gewesen sein. Es gab dort ausser einer Nische mit einem Telefon nichts: Kein Licht, keinen Tisch oder Stuhl, kein Wasser, keine Toilette, nur stickige Luft und Tunnelmäuse. 
  • Bei den Ausrüstungsgegenständen (Art.4) fällt die "richtig gehende" Uhr auf. Ebenfalls interessant sind die Knallkapseln und die Karbidlampe. Ich habe 1980 bei der BLS als Stationslehrling angefangen. Knallkapseln waren damals kein Thema mehr und auch ältere Eisenbahner haben nie etwas davon erzählt. Eine Karbidlampe hat mir hingegen der damalige Stationsvorstand von Blausee-Mitholz noch vordemonstriert. Karbid sieht aus wie ein Gestein. Mit Wasser beträufelt, gibt es ein sehr helles, weisses Licht.
  • Mit dem Distanzieren wurde die Stationsdistanz zwar halbiert. Allerdings mussten die Züge in der Tunnelmitte anhalten (Art. 7) und in Kandersteg bzw. Goppenstein bei Halt zeigendem Ausfahrsignal abgefertigt werden (Art. 10). So ging ein ein Teil des Zeitgewinns wieder verloren.
  • Zur Erleichterung der Orientierung musste der Bahnmeister Richtungspfeile an den Tunnelwänden anbringen. So absurd wie es tönt ist das nicht. Noch heute klagen Lokführer über Orientierungs-schwierigkeiten, wenn sie in Autozugsdiensten x-mal durch den Tunnel hin- und herfahren müssen
  • 1982 war ich in Kandersteg stationiert. Damals war der Lötschbergtunnel mit der heute noch bestehenden Spurwechselstelle und 3 weiteren Blockstellen ausgerüstet. Distanzieren war somit nicht mehr nötig. Ältere Beamte haben sich aber noch an das Distanzieren im Tunnel erinnern können.