Thun Teil 1
Das Eisenbahnzeitalter beginnt in Thun 1859 mit der Eröffnung der Strecke (Bern) Wilerfeld - Thun. Diese wird nicht etwa von einer Bernischen Gesellschaft gebaut, sondern von der Schweizerischen Central Bahn (SCB) mit Sitz in Basel. Der Bahnhof Thun befindet sich etwas nördlich der heutigen Anlage. 1861 erfolgt die Streckenverlängerung bis Scherzligen, wo Anschluss zu den Schiffen auf dem Thunersee besteht. 1893 eröffnet die Thunerseebahn (TSB) die Strecke Scherzligen - Interlaken, 1899 folgen die Strecke nach Hasle-Rüegsau (Burgdorf - Thun - Bahn BTB) und schliesslich 1902 die Gürbetalbahn (GTB) nach Belp - Bern.
Über die ursprünglichen Stellwerkanlagen habe ich kaum Angaben. Das Buch "SBB im Aaretal" von Jürg Aeschlimann / Minirex-Verlag 1984 vermerkt im Jahr 1886 einen Kontaktapparat für Signale. In "Hebel, Riegel, Signale" von Hans G. Wägli wird ein Stellwerk Bruchsal von 1912 erwähnt.
Thun 1914 Sammlung T. Ryf / SBB Historic
Dieser Plan zeigt den Zustand vor dem grossen Umbau zu Beginn der 1920er Jahre. Die Anlage wirkt verglichen mit den heutigen Verhältnissen unglaublich klein. Die Allmendstrasse, Mittlere Strasse und Frutigenstrasse sind heute noch an gleicher Lage vorhanden, so kann die damalige Ausdehnung gut mit der aktuellen Situation verglichen werden. Auch Stockhorn - und Kasernenstrasse gibt es immer noch.
Für mich gewöhnungsbedürftig sind die Bezeichnungen Westseite und Ostseite. Gefühlsmässig liegt der Bahnhof für mich in Nord - Süd Richtung.
Der Güterschuppen befand sich urspünglich nördlich (bzw. eben westlich...) neben dem Aufnahmegebäude (AG). Beim Bau der BTB wird er auf die andere Seite verlegt, wo er auch heute noch steht.
Die Strecke von Bern - Uttigen ist noch einspurig. Die Strecke aus dem Gürbetal ist auf einfachste Weise angeschlossen. Gleichzeitige Fahrten von / nach Uttigen und Uetendorf sind nicht möglich.
Die Gleise der BTB enden als Kopfgleise neben dem Aufnahmegebäude. Sie sind einzige mit Fahrdraht überspannt, da die Strecke bereits elektrifiziert ist. Auch die Einfahrt in die Gütergleise kann elektrisch befahren werden, allerdings nur bis 1918. Danach muss die Drehstromfahrleitung abgebrochen werden, weil die SBB ihre Strecke ab Bern mit Wechselstrom elektrifizieren. Die Güterzüge der BTB werden danach ab Steffisburg mit Dampflokomotiven geführt.
Es sind nur Handweichen vorhanden. Beim AG befindet sich ein Kurbelapparat, mit dem die wichtigsten Weichen verriegelt werden können. Bei den Übergängen Allmendstrasse und Frutigenstrasse befinden sich Wärterposten, die die Übergänge und die Weichen bedienen. Zur Verständigung zwischen Vorstand und Wärter dienen Zeigeapparate.
Beim Übergang der Mittleren Strasse ist eine weitere Wärterbude (W.B.) eingezeichnet. Vermutlich gibt es dort eine weitere Barriere.
Aus allen Richtungen sind Einfahrsignale aufgestellt, für Ausfahrten nach Uttigen und Uetendorf gibt es einen zweiflügligen Semaphor.
Zusätzlich sind 3 Rangiersignale vorhanden. Das mittlere R 2 wird nicht vom Stellwerk aus betätigt, sondern vom Drehscheibenwärter. Drehscheibe und Gleis 4 liegen zu nahe beieinander, so dass Gleis 4 während des Betriebs der Drehscheibe nicht befahren werden darf.
Verschlussplan und Instruktion der Sicherungseinrichtungen Thun 1914 Sammlung T. Ryf / SBB Historic
Eine Stellwerkskizze ist leider nicht vorhanden. Die Verschlusstabelle zeigt aber die relativ komplizierte Einrichtung. Es gibt Geleisehebel, Richtungshebel und Fahrstrassenhebel. Für Fahrten von Scherzligen ist zudem eine weitere Kurbel vorhanden, welche aber nicht das Einfahrsignal bedient, sondern nur die Bedienung durch den Posten Frutigenstrasse freigibt.
In der Instruktion, die soweit klar und verständlich ausgeführt ist, sind mir zwei Dinge aufgefallen:
Auf Seite Ziffer 15, 3. Zeile: Im Störungsfall sollen die Weichen vernagelt werden. Vernageln ist mir unbekannt, üblicherweise werden Weichen bei Störungen mit einem Holzbalken verkeilt.
Seite 16, Zif 18.2: Zwei einarmige Rangiersignale. Normalerweise sind mechanische Rangiersignale mit Scheiben oder gekreuzten Armen ausgeführt. Im Buch "Hebel, Riegel, Signale" von Hans G. Wägli gibt es auf Seite 52 einen Hinweis auf Rangiersignale in Semaphorform in Bern. Offenbar gab es solche Signale auch in Thun, beides sind ja SCB-Bahnhöfe.
Viele zeitgenössische Fotos vom alten Bahnhof Thun und von Scherzligen finden sich auf der Homepage Thunensis: Link
Für die Erweiterung des Bahnhofs war ursprünglich der Ausbau am bestehenden Standort vorgesehen. Schliesslich setzt sich aber die Idee durch, die beiden Bahnhöfe Thun und Scherzligen durch einen Zentralbahnhof zu ersetzten. Die Bauarbeiten beginnen 1920, unter anderem auch, um die herrschende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die ebenerdigen Übergänge der 3 grossen Strassen werden durch breite Unterführungen ersetzt. Das neue Aufnahmegebäude kommt etwa 400m weiter Richtung Scherzligen zu stehen. Um die Wege zu den Schiffen zu verkürzen, wird ein ca. 460m langer Schiffskanal angelegt. Auch die Gleise der STI (Elektrische Bahn Steffisburg - Thun - Interlaken) werden zum neuen Bahnhof verlegt. Der neue Bahnhof wird 1923 in Betrieb genommen, der Umbau der Gleisanlagen zieht sich aber bis 1926 hin. Als eine der letzten Arbeiten wird je nach Quelle 1925 oder 1926 eine elektromechanische Stellwerkanlage VES in Betrieb genommen.
Foto aus dem Jahr 1925 der Ce 6/6 14101. Diese Lok, die unter dem Namen "Röthenbachsäge" bekannt war, wurde ursprünglich für die schwedische Erzbahn gebaut und kam 1919 zur SBB. Sie wurde bereits 1937 verschrottet. Die Aufnahme steht hier aber nicht wegen der Lok, sondern wegen den Handweichen im Vordergrund. Der Bahnhof ist fertiggestellt, aber die Weichen werden noch vor Ort gestellt, die Stellwerke sind noch nicht in Betrieb.
Foto aus dem Buch Schweizer Bahnen damals, Band 2 von Hans Rudolf Schwabe, Pharaos-Verlag 1978
Eine Foto aus dem Jahr 1928 des fertiggestellten Bahnhofgebäudes. Der Bahnhofplatz ist verglichen mit den heutigen Verhältnissen leer und unbelebt. Foto aus dem Internet
neu 11.02.2026:
Kabelplan der VES - Stellwerke I und II aus dem Jahr 1926. Eingezeichnet sind die Leitungen aus den Stellwerken zu den einzelnen Weichen und Signalen. Der Plan ist französisch beschriftet, aber ein paar deutsche Abkürzungen (StW = Stellwerk, AG = Aufnahmegebäude) haben überlebt.
Plan Archiv BLS Sammlung T. Ryf
Schematischer Plan der "Electrischen Kraftstellwerkanlage Bahnhof Thun" Stand 1945. Sammlung K. Hinrichs
Der Bahnhof ist grosszügig ausgebaut. Der Gleisplan wirkt kompakt und zweckmässig. Es wurde nicht eine bestehende Anlage erweitert, sondern von Grund auf neu gebaut.
Überbleibsel des alten Bahnhof sind der Güterschuppen und die dahinterliegende Gleisgruppe C. Auch die Bezeichnung "Scherzligen" ist am anderen Bahnhofsende noch zu finden.
Die Einfahrt von Norden liegt in einer engen S-Kurve. Von Uttigen ist deshalb ein Wiederholungsvorsignal A** aufgestellt. Das Vorsignal A* ist auf dem Plan nicht eingezeichnet.
An der Einfahrt von Uttigen / Uetendorf sind nun 3 statt 1 Gleis vorhanden. Die Hauptstrassen queren die Gleise in breiten Unterführungen. Im Güterbahnhof sind 5 lange Gleise vorhanden, BIV, B V und B VII für Fahrrichtung Nord - Süd, BVII und IX für die Gegenrichtung. Zusätzlich kann aus Gleisen B 10 und 11 nach Norden ausgefahren werden. Im Planausschnitt von 1926 ist noch ein Ausfahrsignal Q10 aus Gleis B 10 Richtung Süden eingezeichnet. Dieses Signal ist hier nicht mehr zu finden.
Aus Richtung Uttigen und Uetendorf sind innere Einfahrsignale inkl. Vorsignale vorhanden.
Ebenfalls gewachsen sind die Gleisanlagen der BTB. Ausser den Kopfgleisen sind zwei weitere Gleise BI und B III vorhanden. In Gleis B II kann ein- , aus Gleis B III ausgefahren werden. Ein zusätzliches Gleis B1 ist als Variante eingezeichnet.
Gleis A I ist das durchgehende Hauptgleis Nord - Süd, Gleis A II jenes Süd - Nord. Üblicherweise können solche Gleise nur in Fahrtrichtung links befahren werden. Hier ist aber von Bern auch eine Einfahrt in Gleis II möglich (Fahrstrasse i II). Das wird möglicherweise für Personenzüge Bern - Thun genutzt, welche nach kurzer Wendezeit wieder zurück Richtung Bern zurückkehren. Die gleiche Möglichkeit besteht auch aus der anderen Richtung, von Spiez kann in Gleis A I eingefahren werden (Fahrstrasse v I). Ausfahrten ab Gleis A I nach Bern oder ab Gleis A II nach Spiez sind aber nicht möglich.
An Perron 1 bzw. 2 liegen Seite Bern die kurzen Stumpengleise A14 bzw. A15 + A16. Diese Gleise werden vorallem zum Abstellen von Lokomotiven genutzt. Die Lage direkt am Perron erspart dem Lokpersonal lange Fussmärsche.
Das Aufnahmegebäude (AG) liegt bei Kilometer 137.020. Diese Kilometrierung geht noch auf den Bau der Strecke durch die SCB zurück. Der Ausgangspunkt, also Kilometer 0 ist Basel. Dabei wird die Strecke Bern Wilerfeld - Bern - Bern Wilerfeld zweimal berechnet, von Olten in den Bahnhof Bern hinein und wieder zurück nach Thun.
Südlich vom Perronbereich sind beidseitig der Hauptgleise kurze Abstellgleise vorhanden. Gleis A 22 wird zum Abstellen der BLS-Regionalzüge Spiez - Thun - Spiez genutzt, wen zwischen den Fahrten die Hauptgleise freigemacht werden müssen.
Via Geleise A 26 und D 4 kann von Gleisen A I und A II direkt das Ausziehgleis D 10 erreicht werden.
Güterzüge von/nach Spiez können den Perronbereich via Gleis A VII umfahren. An der Einfahrt zum Güterbahnhof ist ein inneres Einfahrsignal S 1/2 vorhanden.
Die Grenze SBB / BLS ist nicht eingezeichnet. Letzter SBB-Punkt ist Ausfahrsignal U bei km 137.595, erste Zeichen der BLS ist Einfahrsignal V bei km 0.314. Ich kann mich erinnern, dass es in meiner Lehrzeit in den Tarifen einen fiktiven Punkt "Thun Taxgrenze" gab. Die Distanz Thun - Thun Taxgrenze betrug 1 km. Wie das heute geregelt ist, weiss ich nicht, ich nehme aber an, dass die Einnahmen dieses Kilometers immer noch an die SBB gehen...
Im Bereich der Gleisgruppe D ist Platz für weitere Gleise und Weichenverbindungen vorhanden (gestrichelt eingezeichnet)
In der Lokremise (Gleisgruppe T) ist keine Drehscheibe vorhanden, das im Gegensatz zur zentral positionierten Drehscheibe im alten Bahnhof. Hier zeigt sich, dass Thun in Sachen Elektrifizierung gleich mit mehreren Superlativen auftrumpfen kann:
Eine Drehscheibe zum Wenden der Dampflokomotiven braucht es daher nicht mehr.
Teile des alten Bahnhofs Scherzligen bestehen in Gleisgruppe F weiter. Gleis F 6 dürfte ungefähr der alten Schreckenführung entsprechen.
An der Ausfahrt nach Spiez ist ein unbewachter Bahnübergang vorhanden.
Der Bahnhof ist noch fast vollständig mit mechanischen Signalen ausgerüstet. Einzig die schon erwähnten Vorsignale A* und B* und das Wiederholungssignal A** Seite Uttigen / Uetendorf sind Lichtsignale. Der Ersatz diese 3 Signale wird im SBB-Nachrichtenblatt 12/44 unter "Modernisierung von Sicherungsanlagen der Bundesbahnen" erwähnt. Zwei weitere Lichtsignale mit der Bezeichnung "Schutzsignal" sind an der Einfahrt von Uetendorf zu sehen. Diese decken die Anschlussweichen Lerchenfeld der Gürbetalbahn. Sie gehören nicht zu Thun, sondern werden von Uetendorf aus gesteuert.
Zudem ist eine grosse Anzahl an mechanischen Rangiersignalen vorhanden. Gefunden habe ich R1 - R4, R7 - R19 und R21 - R24. Die Nummern 5, 6 und 20 wurden für allfällige Erweiterungen freigehalten. Auf Höhe des Stellwerks III ist zusätzlich ein Sperrsignal S II aufgestellt.
Der Bahnhof wird von insgesamt 5 Stellwerken gesteuert:
Alle Stellwerke sind elektromechanische Stellwerke VES.
Bilder aus jener Zeit habe ich nicht viele gefunden. Hier eine mehrfach publizerte Aufnahme des SBB-Fotografen aus den 1940er Jahren. Wie damals häufig wird der Ort der Aufnahme nicht genannt, sondern nur das beschrieben, was man ohnehin erkennt. Hier also "der Zugführer erklärt dem Lehrling die Signale". Es ist aber eindeutig in Thun, zu sehen sind die Rangiersignale R14 / R 13, im Hintergrund Signal M III und links angeschnitten Signal M IV.
Auch Bilder der Stellwerke VES habe ich kaum gefunden. Diese Abbildung stammt aus dem SBB-Nachrichtenblatt 8/1932 und zeigt Stellwerk III. Noch ist keine Gleisbildtafel vorhanden.
SBB-Nachrichtenblatt Sammlung S. Niklaus
neu 11.02.2026:
Plan Stand 1954 Plan Archiv BLS Sammlung T. Ryf
SBB-Nachrichtenblatt 3/1961. Neben der Lok steht Gleisausfahrsignal Q IV - V, VII, das die Fahrten aus dem Güterbahnhof Richtung Süden regelt. Weiter hinten sind die beiden zweiflügligen inneren Einfahrsignale aus Richtung Uetendorf ( K 1/2) und Uttigen (J 1/2) zu erkennen. Ganz rechts angeschnitten der Aufstieg zum Ausfahrsignal M II, das sich auf einer Signalbrücke befindet.
Im Zug ist nach der Ae 6/8 der Begleitwagen zu sehen, in dem das Zugspersonal mitreist. Diese "Sputnik" genannten Zweiachser waren damals in allen Güterzügen üblich. Nicht ganz schlüssig scheint mir der Text: Wenn die Ae 6/8 den Zug bereits in Wylerfeld übernommen hat, braucht es in Thun keine Hauptbremsprobe mehr. Der Abgangsort Rüsselsheim lässt auf Autos von Opel schliessen.
SBB-NB Sammlung S. Niklaus
Auf Youtube findet sich ein schöner Film in Farbe einer Fahrt Bern - Brig und zurück aus dem Jahr 1959. Der Film ist englisch kommentiert. Viele der oben beschriebenen Anlagen und Signale lassen sich gut erkennen. Auf der Hinfahrt kommt Thun ab 1:20, auf der Rückfahrt ab 19:40.
Film YouTube 1959 Link
Skizze der Anschlussgleise in Lerchenfeld Stand 1958 Sammlung S. Niklaus
Diese Gleise sind an die Strecke der GBS (Gürbetal - Bern - Schwarzenburg Bahn) angeschlossen. Die Freigabe der Weichen erfolgt vom Bahnhof Uetendorf aus.
Vom Bahnhof Thun sind nur das Ein - und Ausfahrsignal der GBS-Strecke eingezeichnet. Die SBB Doppelspur, die unmittelbar daneben liegt, ist nicht eingezeichnet. Von den beiden als "Schutzsignal" bezeichneten Signalen, die im Plan Thun von 1945 eingezeichnet sind, ist nur noch jenes Seite Thun vorhanden. Aus der anderen Richtung erfolgt die Sicherung durch das Ausfahrsignal von Uetendorf.
è Fortsetzung in Thun Teil 2
______________________________
Spiez, 23.01.2026 / S. Niklaus