In den Stellwerksplänen finden sich viele Details. Hier ein paar Angaben auf Basis des Plans Liestal 1950:
1.) Stellwerk und Bediener
Der Strich kennzeichnet das Stellwerk, der Punkt die Person, die das Stellwerk bedient. Je nach Epoche und Aufgabe ist das der Vorstand, Fahrdienstleiter, Zugverkehrsleiter, Stellwerkbeamter,
Stellwerkwärter etc.
Für Liestal bedeutet das, dass man beim Bedienen des Stellwerks den Gleisen den Rücken zuwendet. Das Stellwerk ist geographisch entsprechend eingerichtet, also Basel links und Olten rechts.
Sind mehrere Bediener nötig, kann das zu einem Bild wie hier führen. Basel SBB PB Stellwerk II 1994
Der Strich und der Punkt werden auch in anderen Ländern verwendet, wie dieses Beispiel aus England beweist. Wer hat es erfunden? Keine Ahnung...
2.) Fahrstrassen
Die Fahrstrassen werden mit einem kleinen Buchstaben für das Signal und einer Zahl für das Gleis bezeichnet. Am Beispiel von Liestal ist "a1" die Fahrstrasse vom Einfahrsignal A nach Gleis
1. "b7" ist die Fahrstrasse von Gleis 7 nach Signal B, also eine Ausfahrt nach Basel etc.
Ein Signal kann nicht einfach "auf grün" gestellt werden, sondern es wird am Stellwerk eine Fahrstrasse eingestellt. Mit dieser werden Weichen und Signale in der richtigen Stellung verschlossen
und feindliche Fahrstrassen und weitere Gefährdungen ausgeschlossen. Je nach Stellwerk und Anlage sind die einstellbaren Fahrstrassen limitiert. Es ist möglich, dass zwar Weichen in ein
Gleis führen, aber trotzdem keine Fahrstrasse eingestellt werden kann.
In Liestal kann von allen Richtungen in Geleise 2, 3 und 7 ein - und ausgefahren werden. Gleis 1 kann nur in Fahrtrichtung Basel - Olten befahren werden. Aus Gleis 8 sind nur Ausfahrten nach
beiden Richtungen möglich, aber keine Einfahrten.
Für den Fahrdienstleiter sind die einstellbaren Fahrstrassen entscheidend. Soll beispielsweise ein Zug Basel - Liestal und zurück nach Basel verkehren, ist es unklug, diesen in Gleis 1
anzunehmen. Für die Rückfahrt könnte Signal B nicht auf Fahrt gestellt werden. Deshalb wird ein solcher Zug mit Vorteil in Geleise 2, 3 oder 7 angenommen.
Es ist zwar möglich, in ein Gleis oder aus einem Gleis ohne Fahrstrasse zu fahren, zum Beispiel bei einer Betriebsstörung. Dazu muss der Fahrdienstleiter dem Lokführer einen Befehl zur
Vorbeifahrt am Halt zeigenden Signal übermitteln. Zudem fährt der Lokführer bis zum nächsten Signal nur mit "Fahrt auf Sicht". Das dauert alles seine Zeit und führt unweigerlich zu einer
grösseren Verspätung.
3.) Signale
Die Signalausstattung in Liestal entspricht dem üblichen Standard. Die Hauptsignale sind im Sinne der Kilometrierung mit fortlaufenden Buchstaben gekennzeichnet, Vorsignale haben zusätzlich
einen Stern. Signal A* ist das Vorsignal von Signal A, Signal C* das Vorsignal von Signal C etc. Vorsignale stehen in Bremswegentfernung zum Hauptsignal und kündigen dessen Fahrbegriff an.
In Liestal gibt es ein zusätzliches Signal F, das Einfahrsignal der schmalspurigen Waldenburgerbahn (WB). Vorsignal gibt es dort keines und auch ein Ausfahrsignal ist nicht vorhanden. Der
Buchstabe E wird freigehalten, falls nachträglich noch ein solches aufgestellt werden sollte.
Die Signale weisen eine unterschiedliche Anzahl Lampen auf. Im Plan sind sie dementsprechend gezeichnet: Die Einfahrsignale A und D mit 4 Lampen, die Ausfahrsignale mit je 3 und Signal F der WB
mit 2.
Detailliert ist auch die unterschiedliche Darstellung der Vorsignale. A* ist mittig auf dem Masten befestigt, D* hingegen in Seitenlage.
Noch ein Hinweis auf eine schweizerische Besonderheit: Die Ausfahrsignale B 1/2 und C 1/2 sind sogenannte Gruppensignale, d.h. ein Signal ist für mehrere Gleise gültig.
Das ist nicht unproblematisch, denn es besteht die Gefahr, dass bei mehreren abfahrbereiten Zügen der falsche Zug abfährt. Gruppensignale führten denn auch in der Vergangenheit immer wieder zu
Gefährdungen und Kollisionen. Da es bei älteren Anlagen technisch nicht möglich ist, einfach weitere Signale aufzustellen, wurden vor einigen Jahren zusätzliche Gruppensignal-Halttafeln
eingeführt.
Eine Signalausstattung wie in Liestal wäre beispielsweise in Deutschland nicht zulässig. Dort sind auf Hauptbahnen zwingend Gleissignale vorgeschrieben. Für jedes Gleis, aus dem ausgefahren
werden kann, braucht es ein eigenes Signal.
Gruppensignal-Halttafel. Schweizerische Fahrdienstvorschriften Stand 2020 Sammlung S. Niklaus
4.) Weichen
Weiche 9 ist eine einfache Weiche. Das Kürzel "ZK" steht für Zungenkontrolle. Damit wird die Endlage der anliegenden Weichenzunge zusätzlich überprüft. Zungenkontrollen sind meines Wissens
vorgeschrieben, wenn Weichen mit mehr als 80km/h gegen die Spitze befahren werden.
Weiche 10 ist eine doppelte Kreuzungsweiche (DKW), im Eisenbahnerjargon auch als "Engländer" bezeichnet. Es kann in allen 4 möglichen Richtungen gefahren werden. In einer DKW sind quasi zwei
Weichen in einer zusammengefasst, sie haben zwei Antriebsstangen und zwei Weichenmotoren. Die beiden Weichenhälften sind deshalb mit den Zusatzbuchstaben a und b gekennzeichnet.
Weiche 15 ist eine Einfache Kreuzungsweiche (EKW), auch als "Halb - Engländer" bezeichnet. Es sind nur Fahrten in 3 Richtungen möglich, von Gleis 8 kann nicht in das kurze Stumpengleis
(Verlängerung Gleis 7) gefahren werden. Auch hier gibt es zwei Antriebe, 15a und 15b.
Doppelte Kreuzungsweiche mit zwei Hebeln. Stellwerk 2 Romanshorn, Teil des Museums Locorama.
Foto S. Niklaus 18. Juni 2023
5.) Isolierte und nicht isolierte Geleise
Isolierte Gleise und Weichen sind mit einem Doppelstrich gezeichnet, nicht isolierte mit einem einfachen Strich. Als Beispiel Gleis 2 und Weiche 10 sind isoliert, Gleis 15 und Weiche 30 sind
ohne Isolierung.
Die Gleisisolierung verhindert, dass ein Signal in einen mit einem Fahrzeug besetzten Gleisabschnitt auf Fahrt gestellt werden kann. Eine belegte Weiche kann nicht umgestellt
werden. Die Bezeichnung "Gleisisolierung" kommt daher, dass eine Schiene mit Hilfe von Isolierstössen elektrisch von der andern Schiene isoliert wird.
Isolierte Gleise werden in älteren Stellwerken gelb dargestellt, nicht isolierte weiss. Ein besetzter Gleisabschnitt wird normalerweise mit einem leuchtenden Lämpchen angezeigt, bei
Domino-Stellwerken mit einem rot leuchtenden Meldefenster.
Heute werden zur Belegungsanzeige auch andere Systeme eingesetzt, beispielsweise Achszähler. Der korrekte Sammelbegriff lautet Gleisfreimeldeeinrichtung (GFM). Der Ausdruck isoliert /
nicht isoliert hat sich aber eingelebt und wird weiterhin häufig verwendet.
Gleistafel im mechanischen Stellwerk 1 in Biel RB: Gleis A 11 ist frei Foto S. Niklaus 16. Juli 2021
Gleis A11 ist besetzt. Ob es sich um einen einzelnen Wagen, eine Lokomotive oder um einen ganzen Zug handelt, erkennt man an der Anzeige nicht. Es steht einfach etwas im
Gleis... Foto S. Niklaus 16. Juli 2021
Weiche 13 und Gleis 2 (rechts unten) sind rot ausgeleuchtet und somit belegt, die anderen Weichen und Geleisabschnitte sind frei. Avenches, Domino-Aufsatz des Schalterstellwerk Integra.
Foto S. Niklaus 26. Oktober 2022
6.) Barrieren
Bei Bahnübergang km 14.680 ist eine Barrierenkurbel eingezeichnet, mit der die Barriere vor Ort bedient wird. Der Posten bedient nur diese eine Barriere, sonst wären weitere Kurbeln
eingetragen.
7.) Weichenlaternen
Die Rechtecke neben den Weichen kennzeichnen den Standort der Weichenlaternen. Ausgefüllte Rechtecke sind ferngestellte Weichen, weisse Rechtecke sind Handweichen. In einigen Plänen wird noch
zwischen beleuchteten Laternen und unbeleuchteten Weichentafeln unterschieden.
Ferngestellte Weiche, unbeleuchtete Laterne bei Tag. Foto S. Niklaus, Biel RB 7. September 2021
Beleuchtete Weichenlaterne. Foto S. Niklaus, Biel RB 24. Juni 2021
Handweiche bei den Chemin de fer du Jura (CJ) mit einer Weichentafel ohne Beleuchtung.
Foto S. Niklaus, 22. Juli 2019
8.) Abfahrbefehl und Signalmelder
Das Rechteck mit zwei Punkten ist der ortsfeste Abfahrbefehl. Die runden Kreise sind Signalrückmelder. Die Pfeile bedeuten, dass Abfahrbefehl und Rückmelder in beide Richtungen
signalisieren.
Der ortsfeste Abfahrbefehl ersetzt das Winken mit dem Befehlsstab (Kelle). Er zeigt dem Lokführer an, dass er nach einem vorgeschriebenen Halt weiterfahren darf. Der Befehl wurde ursprünglich vom
Stationspersonal erteilt, heute ist normalerweise das Zugspersonal zuständig.
Die Signalrückmelder zeigen die Fahrtstellung der Signale an. Es sind keine Signale im fahrdienstlichen Sinne, sondern nur eine zusätzliche Information. Der Melder in Gleis 1 zeigt nur Signal C
an, also das Ausfahrsignal Richtung Olten (Richtung Basel kann keine Ausfahrt gestellt werden, siehe Punkt 2.). Der Melder an Gleis 3 zeigt hingegen in beide Richtungen an, deshalb die
Bezeichnung "Perron - Signalrückmelder BC". BC steht für die Ausfahrsignale B und C.
Die Abfahrbefehle sind im Signalreglement enthalten, die Rückmelder hingegen nicht. Deshalb sind die Abfahrbefehle schweizweit einheitlich ausgeführt, während bei den Rückmeldern unterschiedliche
Varianten verbreitet sind.
Abfahrbefehl (heute Abfahrerlaubnis) im Reglement Schweizerische Fahrdienstvorschriften Stand 2020 Sammlung S. Niklaus
Abfahrbefehl unter einem Hauptsignal
Weisse Lampen mit leuchtendem Buchstaben als Signalrückmelder. Foto Zollikofen U. Dikenmann
Die runden Lampen mit weissem Licht sind vorallem im ehemaligen Kreis II verbreitet. Eine Einfahrt wird mit Blinklicht, eine Ausfahrt mit Dauerlicht angezeigt. Wegen ihrer Form werden sie im
Eisenbahnerjargon "Zeppelin" genannt. Heute dürften die meisten verschwunden sein.
9. Telefone
Telefone habe ich an 5 Stellen gefunden. Bei "Tel" dürfte es sich um normale Telefone mit Wählscheibe handeln. "W.T." könnte allenfalls für Wärtertelefon stehen.
Während meiner Lehrzeit 1980-1982 waren Wärtertelefone noch verbreitet. Hier meine Erinnerungen von der Lehrstation Müntschemier:
Es gibt keine Wählscheibe oder Tastatur, sondern nur eine Taste, die einen Ton auslöst, solange man drückt. Dieser Ton geht an alle Stationen einer Strecke, hier also von Bern bis Neuchâtel. Jede
Station hat einen eigenen Code, für Müntschemier ist das 4 x lang. Das heisst, man nimmt nur ab, wenn --- --- --- --- ertönt, alle anderen Kombinationen betreffen eine andere Station.
Zusätzlich gibt es den sogenannten Kollektivaufruf an alle Stationen, 10 Sekunden ununterbrochenes Läuten. Das wurde beispielsweise angewendet, wenn Neuchâtel oder Bern die Fahrordnung eines
Extrazuges über die gnaze Strecke durchgeben mussten.
Die Wärterleitung kann auch mit dem normalen Bahntelefon erreicht werden. Man muss zuerst eine Vorwahl wählen, um auf die entsprechende Linie zu kommen und dann die 2 für kurz oder die 7 für
lang, für Müntschemier also 7777. Davon wurde aber eher selten Gebrauch gemacht.
Das ist wie gesagt nur meine Erinnerung, ob in Liestal W.T. tatsächlich für Wärtertelfon steht, muss ich offen lassen.
Häufig waren zudem Signaltelefone an den Einfahrsignalen vorhanden. Damit kann der Lokführer mit der Station telefonieren, falls das Signal nicht auf Fahrt geht, gemäss Fahrdienstreglement
(FDR) nach einer Wartezeit von ca. 5 Minuten. Es kann ausschliesslich mit der Station kommuniziert werden.
Signaltelefone sind heute kaum noch vorhanden, die Verstädnigung erfolgt über Zugfunk oder Natel.
Möglicherweise gab es in Liestal auch eine Telefonverbindung mit dem Barrierenposten. Denkbar ist auch, dass der Posten das Telefon bei Signal C benutzt.
10.) Kilometrierung
Die Strecke Basel - Olten ist ab Basel kilometriert. Der Bahnhof Liestal befindet sich bei km 14.374. Als Referenzpunkt gilt "Mitte AG", also die Mitte des Bahnhofsgebäude bzw. Aufnahmegebäude.
Dort befindet sich auch der Kilometer 0.0 / Null der Waldenburgerbahn. Die Bahn beginnt also dort und nicht etwa am Gleisende in Gleis 41 oder sonstwo.
11.) Massstab
Ein Massstab ist in den Plänen nirgends angegeben. Eine Nachmessung auf dem Originalplan auf Papier zeigt folgendes Resultat:
Eine Distanz von 100m in Wirklichkeit (von km 13.900 bis km 14.000) ist im Plan mit 5cm dargestellt. Das ergibt einen Massstab von 1 : 2000, wenn ich richtig gerechnet habe.
Das gilt nur für die Länge, nicht aber für die Breite. Verwendet man für Länge und Breite denselben Massstab, ergibt das einen schwer lesbaren Plan mit sehr eng beieinander liegenden Linien.
Deshalb sind Gleis - und Stellwerkspläne üblicherweise zu breit gezeichnet.
Im vorliegenden Plan beträgt der Abstand zwischen den Gleisen 0.5cm, das würden 10m im Original entsprechen. In Wirklichkeit ist der Abstand zwischen den Gleismitten bei 4 bis - 4,5m.
Manchmal ist das Verhältnis Länge / Breite in den Plänen angegeben: Link
Die Angabe 1 : 3 auf dem Plan Freiburg/Brsg bedeutet, dass der Plan 3x zu breit gezeichnet ist. Die in der Mitte des Bahnhofs gelegene Drehscheibe ist deshalb oval gezeichnet, in Wirklichkeit ist
sie natürlich rund.
12.) Nicht zu sehen...
Nicht alles ist auf den Plänen zu finden:
Während die SBB auf normalspurigen Gleisen fährt, hat die Waldenburgerbahn eine Spurweite von 750mm. Das ist im Plan nicht ersichtlich. Stellwerkmässig ist die Spurweite nicht relevant.
Die Waldenburgerbahn wurde erst 1953 elektrifiziert. Zur Zeit der Ausgabe des Plans herrscht dort also noch Dampfbetrieb. Auch bei den SBB dürften nicht alle Gleise mit Fahrdraht überspannt
sein, beispielsweise Gleis 11 mit einem Bockkran. Wie die Spurweite ist das für die Stellwerktechnik nicht von Bedeutung.