Freilassing

Freilassing ist der letzte deutsche Bahnhof an der Hauptstrecke München - Rosenheim - Salzburg. Unweit des Einfahrsignals Seite Salzburg liegt die Landesgrenze zu Österreich.

 

Stellwerktechnisch ist der Bahnhof bekannt, weil er als letzter Bahnhof noch originale Bayrische Ruhesignale aufwies. Es gab zwar noch auf anderen Bahnhöfen solche Signale, aber ohne Ruhestellung, also mit dem Signalflügel nach unten.

 

 

Foto aus dem Buch "Fahrt frei / Bayrische Signale und Stellwerke" von Robert Zintl, Motorbuch Verlag Stuttgart 1978

 

 

Der Gleisplan weist einige Besonderheiten auf. Zum besseren Verständnis deshalb hier der gleiche Plan mit von mir eingefügten Gleisnummern und Richtungspfeilen. Die Gleisnummern entsprechen also nicht dem Original.

Der Gleisplan zeigt auf, dass damals die Betriebsabläufe gegenüber heute anders abgelaufen sind. So könnte man sich vorstellen, dass ein Zug von Bad Reichenhall in Gleis 1 einfährt, die Lok die Wagen umfährt und dann wieder nach Bad Reichenhall ausfährt. Doch schon das Umfahren wäre wegen den vielen einfachen Kreuzungsweichen Seite Rosenheim / Bad Reichenhall nicht ganz einfach. Und wenn man die Lok dann glücklich auf die andere Seite gebracht hätte, würde man feststellen, dass aus Gleis 1 nicht Richtung Bad Reichenhall ausgefahren werden kann: Es gibt kein Ausfahrsignal...

 

Ausser dem Gleisplan habe ich keine weiteren Unterlagen zu Freilassing. Aufgrund der vorhandenen Signalen und Weichenverbindungen vermute ich, dass die einzelnen Gleise folgendermassen genutzt wurden:

 

Gleis 1

Einfahrgleis von Bad Reichenhall. Von Rosenheim kann mangels Weichenverbindungen nicht eingefahren werden

 

Gleis 2

Durchgehendes Hauptgleis Rosenheim - Salzburg. Von Bad Reichenhall kann nicht eingefahren werden

 

Gleis 3

Dieses Gleis hat in beiden Richtungen Ausfahrsignale. Hier sind verschiedene Möglichkeiten denkbar. Es dürfte mal das Gleis für Züge nach Bad Reichenhall gewesen sein. Bei Zügen aus München, die an Gleis 2 ankommen, konnte so perrongleich umgestiegen werden. Zusätzlich könnte es als Überholgleis für Lokalzüge genutzt worden sein, sowohl in Richtung Rosenheim - Salzburg als auch  in der Gegenrichtung. Eine weitere denkbare Nutzung wären Züge Rosenheim - Freilassing - Rosenheim, z.B. der letzte Abendzug, der in Freilassing übernachtet und am frühen Morgen Richtung Rosenheim zurückfährt

 

Gleis 4

Durchgehendes Hauptgleis Salzburg - Rosenheim. Richtung Bad Reichenhall kann nicht ausgefahren werden

 

Gleis 5

"Jokergleis" für alle Richtungen. Hier gilt grundsätzlich das Gleiche wie für Gleis 3, zusätzlich sind auch Fahrten von / nach Mühldorf weichentechnisch möglich. Es ist das einzige Perrongleis, das Weichenverbindungen von und nach Bad Reichenhall, Rosenheim und Mühldorf aufweist. Ob auch überall signalmässige Fahrstrassen vorhanden waren, kann ich hingegen nicht beurteilen.

 

Gleis 6

Abstellgleis, keine Zugfahrstrassen möglich. Seite Salzburg gibt es einen Schutzstumpen, auf der anderen Seite nicht. Deshalb ist dort ein Sperrsignal vorhanden

 

Gleis 7

Züge von Mühldorf. Keine Weichenverbindungen von Bad Reichenhall oder Rosenheim.

 

Gleis 8

Züge nach Mühldorf. Keine Weichenverbindungen nach Bad Reichenhall oder Rosenheim

 

Gleise 9 - 13

Gütergleise. In beiden Richtungen sind aus je 3 Gleisen Ausfahrten möglich. Hier ist Gleis 10 das "Jokergleis", das Ausfahrten in beide Richtungen erlaubt.

Es ist zu vermuten, dass aus Gleisen  10 - 12 nicht Fahrstrassen nach allen 3 möglichen Richtungen einstellbar waren. Ich könnte mir vorstellen, dass z.B. nach Bad Reichenhall, wo der Güterverkehr vermutlich eher gering war, nur aus einem der 3 Gleise eine Fahrstrasse eingestellt werden konnte.

 

Sehr bemerkenswert sind die vielen einfachen Kreuzungsweichen am westlichen Bahnhofskopf. Ich habe 8 Stück gezählt, während es nur 3 doppelte Kreuzungsweichen gibt. Bei Rangiermanövern dürfte das für das beteiligte Personal recht anspruchsvoll gewesen sein. Wenn man eine manövrierende Lok ins falsche Gleis abgelassen hat, stand man vor einer einfachen Kreuzungsweiche und konnte das gewünschte Gleis nicht erreichen.

 

Interessant ist auch die schlechte Anbindung der Depotanlage bzw. des BW. Von Gleisen 1 - 4 kann dieses nicht erreicht werden. Eine der erwähnten einfachen Kreuzungsweichen, nämlich jene rechts von Stellwerk 1 verhindert aber auch, dass der rechte Teil des BW von Gleisen 5, 6 und 7 erreicht werden kann. Hierzu kenne ich den Bahnhof und die Betriebsabläufe zu wenig, um Vermutungen anzustellen.

 

Die Strecken Salzburg - München und Freilassing - Bad Reichenhall - Berchtesgaden waren 1931 bereits elektrifiziert. Auf der Strecke nach Mühldorf herrscht bis heute Dieselbetrieb, die Strecke soll aber elektrifiziert und auf Doppelspur ausgebaut werden.

 

Die mechanischen Stellwerke inkl. bayrischen Ruhesignalen wurden 1978 durch ein Druckstastenstellwerk ersetzt. Das Gebäude von Stellwerk 2 ist heute noch vorhanden, das BW umfasst inzwischen ein Museum.

 

 

Ein Artikel zu bayrischen Ruhesignalen, denn ich vor langer Zeit aus einer Zeitschrift ausgeschnitten habe.

 

Alle Pläne und Artikel aus Sammlung S. Niklaus